Nach einer erfolgreichen Lyse oder Thrombektomie kann die Durchblutung zwar wiederhergestellt sein, dennoch schreitet der Hirnschaden bei manchen Patienten fort. EMA601 soll diese Phase therapeutisch beeinflussen. Der von EMFRET Analytics entwickelte und nun mit Boehringer Ingelheim weiterverfolgte Antikörper blockiert GPVI auf Thrombozyten. Damit zielt er auf die Verknüpfung von Thrombose und Entzündung im ischämischen Gewebe. Präklinische Arbeiten sollen klären, ob der Kandidat Infarktwachstum begrenzen kann, ohne die Blutstillung zu schwächen.
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Lizenzvereinbarung schafft Grundlage für klinische Erprobung von EMA601 künftig
Boehringer Ingelheim arbeitet künftig mit EMFRET Analytics an der Weiterentwicklung von EMA601 zusammen. Grundlage ist ein Kooperations- und Lizenzvertrag, der den Zugang zu dem Antikörper und seine weitere Nutzung regelt. Zunächst verfolgen beide Partner ausschließlich präklinische Ziele. Sie wollen Daten erzeugen, welche die spätere Erprobung beim Menschen ermöglichen. EMA601 soll antithrombotische und antiinflammatorische Wirkungen verbinden. Im Erfolgsfall könnte daraus ein neuartiger Wirkstoff für bisher unzureichend adressierte medizinische Behandlungsfelder entstehen.
GPVI-Aktivierung kann bei Überreaktion gefährliche Gerinnselbildung und Gefäßverschlüsse auslösen
Die Wirkung von EMA601 beruht auf der Hemmung des GPVI Rezeptors von Thrombozyten. Dieser Rezeptor kommt außerdem auf den Vorläuferzellen der Blutplättchen im Knochenmark vor. GPVI erkennt Kollagen, das nach einer Gefäßschädigung freiliegt, und startet die Aktivierung der Blutplättchen. Obwohl dieser Vorgang für die Hämostase notwendig ist, kann er bei Überaktivierung Gefäßverschlüsse begünstigen. EMA601 soll die krankhafte Thrombusbildung reduzieren und gleichzeitig die lebenswichtige Fähigkeit zur Blutstillung weitgehend erhalten.
Die Rezeptorneutralisierung verringerte Kollagenantworten und schonte zugleich die Blutstillung
Aus den frühen Arbeiten von Professor Bernhard Nieswandt und Valerie Orth ergab sich ein wichtiger Hinweis für die Entwicklung moderner Thrombosehemmer. Die Forscher neutralisierten GPVI in Mausmodellen mit einem monoklonalen Antikörper. Die Blutplättchen reagierten anschließend weniger intensiv auf Kollagen, das bei Gefäßverletzungen eine Aktivierung auslösen kann. Gleichzeitig blieb die Fähigkeit zur normalen Blutstillung weitgehend bestehen. Damit wurde erkennbar, dass GPVI als Angriffspunkt geeignet sein könnte, thrombotische Ereignisse mit einem geringeren Blutungsrisiko zu behandeln.
Forschungsreagenzien schufen wirtschaftliche Grundlage für EMA601 bei EMFRET langfristig
Die Geschichte von EMFRET Analytics begann 2002 in Würzburg. Bernhard Nieswandt, Valerie Orth, Susanne Nieswandt und Ralph Ziehfreund gründeten die Gesellschaft mit einem forschungsorientierten Geschäftsmodell. Zu den Leistungen gehörten die Entwicklung, Produktion und der Vertrieb von Antikörpern und Reagenzien. Einnahmen aus diesem Geschäft ermöglichten nach Angaben von CEO Valerie Orth Finanzierung der Wirkstoffforschung. Weil keine Kapitalgeber eingebunden waren, blieb die Entwicklung Projekte wie EMA601 unabhängig. Seit 2006 hat EMFRET seinen Sitz in Eibelstadt, Landkreis Würzburg.
Forscher identifizierten GPVI-Hemmung als vielversprechenden Ansatz gegen Schlaganfallfolgen
Die Arbeiten aus dem Jahr 2007 verbanden die GPVI-Hemmung erstmals mit einem möglichen therapeutischen Nutzen im Schlaganfallmodell. Bernhard Nieswandt, Guido Stoll und weitere Forscher dokumentierten nach Rezeptorblockade kleinere Hirninfarkte sowie verbesserte neurologische Ergebnisse. Zugleich blieb das Auftreten intrakranieller Blutungen auf dem bisherigen Niveau. Diese Befunde waren für die weitere Wirkstoffentwicklung von großer Bedeutung, weil sie eine antithrombotische Wirkung ohne erkennbar erhöhtes Blutungsrisiko nahelegten und die Untersuchung spezifischer GPVI-Inhibitoren rechtfertigten.
Präklinische Tests zeigen hohe Aktivität von EMA601 gegen Thrombo-Inflammation
Nach den im European Heart Journal publizierten Daten wurde EMA601 umfassend in präklinischen Modellen untersucht. Die Kooperation von EMFRET und Universitätsklinikum Würzburg prüfte den Antikörper mittels biochemischer Assays, Zellversuchen und Tierexperimenten. Im Mittelpunkt stand die Blockade von GPVI, einem Signalrezeptor auf Thrombozyten. Der Wirkstoff unterdrückte den Signalweg zielgerichtet und minderte sowohl die Bildung krankhafter Thromben als auch entzündliche Schäden ischämischen Gewebes. Eine deutliche Aktivität zeigte sich bereits bei niedriger Dosierung im Versuch.
Persistierende Gefäßentzündung verschlechtert Ergebnisse trotz wiederhergestelltem zerebralem Blutfluss häufig
Bei einem ischämischen Schlaganfall kann die Rekanalisation das verschlossene Gefäß öffnen. Dafür kommen je nach Befund Lysebehandlung oder mechanische Thrombektomie infrage. Dennoch bleibt der klinische Nutzen bei zahlreichen erfolgreich behandelten Patienten begrenzt. Etwa die Hälfte erlangt keine gute funktionelle Unabhängigkeit im Alltag. Eine Erklärung liefert die Verbindung von Gerinnung und Entzündung. Bereits während der Ischämie werden thrombo-inflammatorische Prozesse im Gefäßsystem aktiviert. Diese Prozesse können nach erfolgreicher Reperfusion weitere Hirngewebeschäden verursachen.
Geringes Blutungsrisiko stärkt EMA601 als mögliche Schlaganfallzusatztherapie präklinisch weiter
Die präklinischen Daten deuten darauf hin, dass die GPVI-Hemmung mit EMA601 eine therapeutische Lücke nach der Rekanalisation schließen könnte. Obwohl Lyse oder Thrombektomie den Blutfluss wiederherstellen, können sich Infarkt und Gefäßentzündung danach weiter ausbreiten. In humanisierten Mausmodellen wirkte der Antikörper diesem Verlauf entgegen. Seine Anwendung wäre als Ergänzung, nicht als Ersatz, etablierter Akutverfahren denkbar. Weil GPVI krankhafte kollagenvermittelte Plättchenaktivierung beeinflusst, könnte EMA601 gegenüber Antithrombotika potenziell geringere Neigung zu Blutungen aufweisen.
Im Mittelpunkt von EMA601 steht die selektive Hemmung des GPVI-Rezeptors auf Thrombozyten. Der Wirkmechanismus zielt darauf, die Wechselwirkung aktivierter Blutplättchen mit entzündeten oder verletzten Gefäßen zu reduzieren. Damit könnte der Antikörper nach Lysetherapie oder Thrombektomie eine verbleibende Schädigung des Hirngewebes begrenzen. Experimentelle Ergebnisse lassen ein niedriges Blutungsrisiko erwarten. Die Lizenzkooperation schafft Voraussetzungen für weitere präklinische Untersuchungen. Ob sich der Befund auf Patienten übertragen lässt, entscheiden erst methodisch belastbare klinische Studien.

