Schutz im Worst-Case-Szenario
Die Aschewolke war ein nie dagewesenes Ereignis. Was waren die wesentlichen Erkenntnisse für Versicherer und deren Kunden?
Volker Münch: Die wichtigste Lektion für Versicherer und deren Kunden ist: Nicht nur typische Gefahren wie Erdbeben, Überschwemmungen oder Stürme können Betriebsunterbrechungen auf einem geografisch weit ausgedehnten Gebiet verursachen. Wir müssen deshalb noch stärker als bisher auf Unterbrechungen in der Lieferkette achten. Unsere Kunden verlassen sich darauf, dass es keine Engpässe gibt, weder bei Lieferungen für die eigenen Unternehmen, noch bei Lieferungen an die Kunden. Aufgrund der Vulkanasche jedoch hatten viele unserer Kunden genau damit zu kämpfen. Lieferungen, die für ihr Geschäft essenziell waren, erreichten sie nicht. Dasselbe passiert momentan in Japan. Die Abhängigkeit von Lieferketten nimmt dramatisch zu.
Welche Auswirkungen hatte dieses Ereignis auf das Versicherungsgeschäft?
Münch: Es gab damals so gut wie keinen Versicherungsschutz, denn normale Betriebsunterbrechungsversicherungen decken keine sachschadenunabhängigen Ereignisse ab. Der Hauptgrund für die Unterbrechung war die Entscheidung der Luftfahrtbehörden, den Luftraum zu sperren. Dadurch wurde die europäische Wirtschaft stark beeinträchtigt.
Was die Auswirkungen auf die Industrieversicherung betrifft, so reichen die klassischen Policen für Sachschäden und Betriebsunterbrechung nicht mehr aus. Die Versicherungsindustrie muss einen Schritt weiter gehen und neue Produkte entwickeln, die den Bedürfnisse von Großkunden mit internationalen Vertriebsnetzen noch besser entsprechen, ganz gleich ob es sich dabei um Versicherungsschutz oder alternative Lösungen für den Risikotransfer handelt.
Wir müssen darüber nachdenken, welche Lösungen wir abgesehen von den traditionellen Versicherungen noch anbieten können. Diese Herausforderung ist für die Zukunft der Industrieversicherung entscheidend. Die Aschewolke hat große Unternehmen wachgerüttelt. Ihnen ist jetzt bewusst, dass sie ihre Bilanzen besser absichern müssen. Es gibt einfach Ereignisse, denen man nicht entgehen kann.
Wie sind Unternehmen mit dieser Unterbrechung umgegangen?
Münch: Kleinere Gewerbeversicherungskunden waren definitiv schlechter vorbereitet. Große Kunden sind immer auf Lieferengpässe vorbereitet - zumindest bis zu einem gewissen Grad. Allgemeine Lieferunterbrechungen einzuplanen, ist bei Business Continuity Plans Standard. Eine Aschewolke hat da natürlich noch eine andere Dimension. Waren die Unternehmen auf so ein Ereignis vorbereitet? Höchstwahrscheinlich nicht. Business Continuity Planning konzentriert sich normalerweise eher auf Standardprobleme wie Stromausfälle oder die Insolvenz eines Lieferanten. Dass ganze Gebiete vom Verkehr abgeschnitten werden, ist dagegen unwahrscheinlich. Die Aschewolke war ein Ereignis ohne Gleichen - ihre massiven Auswirkungen waren nicht vorhersehbar.
Wie viel hat dieses Ereignis die europäische Wirtschaft eigentlich gekostet?
Münch: Der EU-Verkehrskommissar bezifferte die Anzahl der Flüge, die aufgrund des Ausbruchs des Eyjafjallajökull gestrichen werden mussten, auf mehr als 100.000. Über 10 Millionen Passagiere konnten nicht weiterreisen. Somit schätzte der Kommissar die Kosten für die Luftfahrtbranche, die durch die isländische Aschewolke verursacht wurden, auf mehr als 2,5 Milliarden Euro1. Diese Zahl berücksichtigt jedoch längst nicht alle betroffenen Unternehmen, wie beispielsweise diejenigen, die auf die Ein-und Ausfuhr von Gütern angewiesen sind.
Wie hat die Aschewolke das Denken der AGCS beeinflusst, vor allem was ihre Kunden angeht?
Münch: Zum einen konzentrieren wir uns darauf, Deckungen für einige der sachschadenunabhängigen Betriebsunterbrechungsfälle zu entwickeln, die unsere Kunden potenziell betreffen könnten. Dieses Ereignis hat klar gemacht, dass wir bei der Deckung flexibler sein müssen, um sicherzustellen, dass unsere Kunden selbst im Worst-Case-Szenario geschützt sind. Dabei stehen wir vor einer großen Herausforderung: Diese Deckungen müssen nicht nur den Bedürfnissen unserer Kunden entsprechen, sondern sie müssen preislich für sie auch noch akzeptabel sein.
Desweiteren hat diese Katastrophe gezeigt, dass wir im Dialog mit unseren Kunden noch stärker auf die Qualität ihrer Business Continuity Pläne (BCP) achten müssen, vor allem bei Industriekunden. Wir berücksichtigen, ob ihr BCP einem bestimmten Standard entspricht, zum Beispiel dem BSI 25999 (einem britischen Standard). Ein solcher Standard erlaubt es einem Unternehmen, drohende Gefahren auf strukturierte Art und Weise zu identifizieren. Er zeigt, wie ein Unternehmen weniger anfällig für potenzielle Risiken werden kann. Dadurch werden die Interessen der wichtigsten Stakeholder gewahrt. Ein Kunde, der über einen soliden BCP verfügt, ist auch bei klassischen Betriebsunterbrechungsschäden weniger gefährdet.
Außerdem bemühen wir uns gemeinsam mit potenziellen Partnern, das Bewusstsein für neue Risiken am Markt zu schärfen. Politische Unruhen und Stromausfälle sind beispielsweise Ereignisse, die große geografische Gebiete betreffen können. Wir haben um Rückmeldungen gebeten, um Produkte entwickeln zu können, mit denen unsere Kunden auf absehbare Zeit für solche Gefahren gewappnet sind.
Welche anderen Szenarien könnten dazu führen, dass Kunden über internationale Grenzen hinaus betroffen sind?
Münch: Politische Risiken sind unsere größte Sorge. Politische Veränderungen und Unruhen können ganze Regionen zum Stillstand bringen. Der jüngste Aufstand in Ägypten ist ein gutes Beispiel, denn Ägypten ist das Tor nach Afrika und Asien. Was sollen unsere Kunden tun, wenn ihnen dieses Tor verschlossen bleibt? So hat der ägyptische Finanzminister das voraussichtliche Wirtschaftswachstum seines Landes um 50 Prozent nach unten korrigiert, weil die politischen Ereignisse dem Tourismus geschadet haben und Unsicherheit in Bezug auf zukünftige Investitionen aus dem Ausland besteht.2
Immer öfter ziehen Regierungen Handelsgenehmigungen zurück und führen Ein- und Ausfuhrbeschränkungen ein. Das wirkt sich massiv auf Betriebsunterbrechungen aus. Wir sehen ebenfalls mehr Unterbrechungen von Services wie der Energieversorgung oder IT. Ein weiteres potenzielles Risiko sind Pandemien. In solchen Fällen könnten Produkte zu Isolierungszwecken beschlagnahmt und aufgrund von Ausfuhrbeschränkungen unter Quarantäne gestellt werden.
Es drohen also viele potenzielle Gefahren, aber dadurch eröffnen sich auch neue Chancen. Zwar sind bestimmte Risiken einfach nicht versicherbar - aber man könnte sie zumindest durch einen alternativen Risikotransfer und durch effektives Business Continuity Planning abdecken.
1Quelle: gu.com/p/2gtdd
2Quelle: english.ahram.org.eg/News/9457.aspx
Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen, der Ihnen oben rechts zur Verfügung gestellt wird.
Quelle: Pressemeldung Allianz Global Corporate & Specialty
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